Christopher Steet Day / CSD

Was bedeutet Freiheit? Das hat für jeden eine individuelle Bedeutung und doch ist der allgemeine Konsens darüber, dass man machen kann, wonach einem der Sinn steht. Viele Menschen auf der ganzen Welt damals wie heute sind keineswegs frei. Unfrei von Politik, Vorurteilen und gesellschaftlichen Normen und Konventionen. Nicht in der Lage zu sagen, zu glauben und zu tun, was sie möchten, hinzugehen, wo es sie hin verschlägt oder zu lieben, wie es ihnen beliebt. Diskriminierung nimmt hierbei genauso viele Formen an, wie die Liebe selbst und längst ist die Zeit gekommen, an dem wir alle gleich viel Wertigkeit haben müssten. Man braucht Mut um sich loszusagen, um das einzufordern, was einem zusteht und Freiheit und Gleichheit sind traurigerweise immer noch pure Luxusgüter, die gerade Menschen, die von der Norm abzuweichen vermögen, nicht automatisch zugesprochen werden. Es muss fortdauernd gekämpft werden wie es scheint mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Und auch wenn es Gewalt schlicht abzulehnen gilt, ist sie in der Geschichte manchmal ein notwendiges Übel, um sich zu wehren und um das einzufordern, was einem zusteht. Solange die Freiheit niemanden schadet, verdienen wir es alle, ausnahmslos frei zu sein und dafür lohnt es sich aufzustehen und alles zu geben. Nicht nur für sich selbst, sondern für alle, die um einen herum sind und für alle, die noch kommen mögen, wobei der Grundstein für den beispiellosen, epischen Kampf der LGBT-Bewegung bereits im Amerika der 60er Jahre gelegt wird.

Auch wir verdienen Freiheit!

In den 60er Jahren ist gay, bi oder transgender zu sein teilweise noch ein omnipräsent verwerfliches Verbrechen und arg verpönt, und das so gut wie überall auf der Welt. Während man in manchen Ländern aber sein Leben dafür lassen muss, sind die Staaten diesbezüglich schon einen winzigen Schritt weiter. Es gibt Gay-Clubs, eine einigermaßen belebte Szene und viele Leute haben keinen Bock mehr darauf, sich zu verstecken. Sicher, wenn sie offen dazu stehen, leben sie abseits der Gesellschaft. Sie werden ausgegrenzt und angeklagt, mit Gewalt an jeder Ecke konfrontiert und die berühmt-berüchtigte New Yorker Schwulenbar Stonewall in der Christopher Street im Greenwich Village sollte eigentlich ein Zufluchtsort sein, wo „anders“ liebende Menschen zusammenfinden können. Wäre da nicht die Tatsache, dass die Polizei als Sittenwächter mit falschen Wertvorstellungen kontinuierlich brutale Razzien durchführt, die Leute schlägt, bloßstellt, demütigt und ihnen leidenschaftlich gerne die Würde nimmt. Und eines schönen, lieben Tages reicht es eben, ganz simpel ausgedrückt.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 inmitten eines heißen Sommers als die Polizei erneut anrauscht, ist sie gründlicher als üblich. Sie kommt später als gewöhnlich, kontrolliert Ausweispapiere, nimmt den einen oder anderen fest, der Klamotten des gegensätzlichen Geschlechts trägt und hat sicher nicht damit gerechnet, dass das Maß in dieser Nacht plötzlich voll ist. Heute weiß man nicht mehr exakt, wie alles beginnt. Die einen sagen, dass die Transgender-Ikone Sylvia Rivera eine Flasche wirft, andere behaupten wiederum, es läge an der willkürlichen Verhaftung einer Lesbe, die man in ein Polizeiauto zerrt. Fest steht jedenfalls, dass die Geschichte in Windeseile in eine handfeste Auseinandersetzung umschlägt und eine Massenschlägerei steht an. Untypisch für die sonst friedfertige und devote Gemeinschaft und doch sind die LBGTs an diesem geschichtsträchtigen Tag nicht eine Sekunde länger gewillt, all diese Ungerechtigkeiten selbstverständlich und als gottgegeben hinzunehmen. Leute strömen schließlich aus umliegenden Bars und Vierteln herbei, es entsteht Aufruhr, Anarchie und Tumult, es wird unübersichtlich und es wird wild gekämpft. Nicht aus Langeweile oder aufgrund von zu viel Alkohol oder Drogen, sondern um Leben und Tod, um Grundwerte und um das Recht, endlich frei zu sein. Es geht darum, nicht länger als Mensch zweiter oder dritter Klasse zu gelten. Die Wut ist groß und weil die Anzahl an queeren Personen der Polizei in dieser Nacht haushoch überlegen ist, gelingt es, diese in die Luft zuschlagen und zurückzudrängen. Und das leider mit haufenweise Verletzen auf jeder Seite.

Die besonders Mutigen:

An vorderster Front die beiden Queens Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson, wobei Marsha später in den 90er Jahren unter ungeklärten Umständen tot im Hudson River aufgefunden wird. In jener Nacht im Juni sind sie hingegen unermüdliche Kämpferinnen so stark wie Löwinnen, zusammen mit vielen anderen, die die Nase voll haben von willkürlicher Polizeigewalt und ungerechtfertigter Kleinhaltung. Das ist die Stunde Null, der Moment, der alles verändert und der Beginn eines Widerstands, der die nächsten Tage in New York und in den darauf folgenden Jahren über anhalten wird. Die Aufstände im Stonewall sind demnach lediglich der Beginn einer gewissen Art Emanzipation, einer Sprengung der alten Ketten und gleichsam der Auftakt einer anstrengenden, mühsamen Reise, von der es von nun an kein Zurück mehr geben kann. Alles oder nichts ist das Motto, das daraus resultiert und diese reißerische Stimmung und die entstehende Solidarität in der Community beflügeln etliche Mitstreiter zu mehr, nicht bloß Rivera und Johnson. Es entsteht Kampfgeist, erst in New York, später in den USA und dann in der ganzen Welt, obgleich es insbesondere diese zwei Heldinnen sind, die alles verändern und vorantreiben. In den weiteren Jahren gründen sie die Gay Liberation Front, sie sind Aktivisten bei Act Up, einer Initiative, die Aidskranken zur Seite steht und betätigen sich bei S.T.A.R., das sich Transgender-Menschen zuwendet, die oft vergessen werden und die damit eine Stimme bekommen. Zu lieben und zu sein, wer man wirklich ist, kann nicht weiter als Verbrechen gelten und wir haben es unbestreitbar bunten, mutigen und opferbereiten Menschen wie Rivera und Johnson zu verdanken, dass Menschen in vielen Teilen der Erde heute so leben können, wie es ihnen die innere Stimme vorgibt.

Christopher Street Day gestern, heute und immer:

Deshalb wird der letzte Samstag im Juni seit jeher groß gefeiert. Man honoriert die Selbstlosen in Form des alljährlich stattfindenden Christopher Street Days, und das sowohl in New York am Ursprung, wie letztendlich überall auf der Welt. Die Gesellschaft vergisst das oft, sieht man das belebte, unbeschwerte und farbenfrohe Treiben auf den Straßen, das den Christopher Street Day gegenwärtig ausmacht. Es ist zurückzuführen auf das Auflehnen einzelner Individuen, die maßgeblich verantwortlich sind für die Freiheit vieler von uns. Dass Aids kein derartiges Stigma mehr ist wie in den 80er Jahren, als es aufflammte, geht unter anderem auf deren Konto. Wir haben es ihnen zu verdanken, dass Netflix voll ist mit queeren Serien, dass RuPaul das Fernsehen dominiert und eine Frau Wurst den ESC gewinnt. Dass Schwule und Lesben heiraten dürfen, weitestgehend respektiert werden und wir von der Polizei Gehör bekommen, wirft jemand mit Steinen nach uns oder spuckt uns an. „Pink matters“! Jeder Kritiker sollte das einsehen, weshalb wir niemals lockerlassen dürfen, wenn uns jemand sagt, dass wir weniger wert sind und wir etwas nicht dürfen und können unter dem Deckmantel von Sexualität, Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder der persönlichen Präferenz. Mutig sein ist angesagt. Hervortreten aus dem Schatten der Gesellschaft, sich präsentieren, das Gute sehen und das Schlechte ignorieren, auf dass wir in 20 Jahren dasitzen und uns gar nicht mehr vorstellen können, wie grausam es damals gewesen sein muss. Wir befinden uns bereits inmitten eines wichtigen Wandels, wenngleich der Weg zum ultimativen Ziel der totalen Gleichberechtigung bestimmt noch lang und beschwerlich sein wird.

Wir sind stolz!

Der Christopher Street Day tritt in New York jährlich als demonstrative Parade und Gedenktag auf und weltweit gibt es ihn in unterschiedlichen Ausführungen. Man greift rund um den Globus dieses Thema auf, wobei die sogenannten Prides eine zentrale, unverzichtbare Rolle einnehmen und diese dem Christopher Street Day am nächsten kommen. Pride bedeutet dabei nicht Hochmut oder Selbstverliebtheit, sondern der englische Begriff soll zum Ausdruck bringen, dass man stolz sein kann darauf, wer man ist und frei lieben darf, wonach sich das Herz sehnt. Man soll erhobenen Hauptes durch das Leben schreiten und in allen Farben des Regenbogens strahlen, der zum Synonym und zum Symbol geworden ist für die LGBT-Community und jeden, der sich dazu zählt. Dafür muss man nicht zwangsläufig queer sein, es reicht schon, dass wir uns alle unter der selben Regenbogenfahne zusammenfinden und für die selben Rechte einstehen.

Man schafft mit opulenten Pride-Paraden ein Bewusstsein für alternative Lebensweisen und die WorldPride ist hinsichtlich besonders exklusiv. Dahinter steht die Unternehmung InterPride, die in eher unregelmäßigen Abständen an verschiedenen Orten der Welt populäre Paraden abhält und die schon in Rom, Israel, Großbritannien, Spanien, Kanada und den USA haltgemacht hat. EuroPride ist das europäische Pendant dazu, ähnlich umfassend und mit jährlich angesetzten Events in europäischen Großstädten eine verlässliche Veranstaltung, die unzählig viele Besucher anzulocken weiß. Je lauter, schriller und offener das passiert, desto besser, weshalb diese Paraden stets überlaufen sind und sich da ein eigenständiges Business entwickelt hat. Befürworter nutzen das als Plattform, um die Gay Community einem breiten Publikum zugänglich zu machen und sich überall zu präsentieren, während Gegner dagegen meinen, dass man mit übermäßig betonten Zurschaustellungen die Sexualität unnötig betone und dies einer Normalisierung entgegen stünde. Beide Ansichtsweisen sind wahrscheinlich berechtigt, so oder so sollte man allerdings niemals vergessen, dass am Anfang unsere furchtlosen Helden stehen, für die es um alles ging und die all das erst möglich gemacht haben. Denn nur wenn wir von Zeit zu Zeit innehalten und uns darüber im Klaren sind, wird man die Freiheit gebührlich zu schätzen wissen.